Journalistin Texterin

Tunnelbau. Tag für Tag.

Jul 10, 2016 42 min read

Die Arbeit im Inneren des Berges

Was genau beim Bau eines Tunnels passiert, können sich die wenigsten vorstellen, schliesslich ist man selten mit dabei. Wir haben den Schichtleiter Daniel Da Cunha bei seiner Arbeit begleitet, 3.5 Kilometer im Inneren eines Berges, bis ganz nach vorne, zum Bohrkopf.

„Zufahrt gesperrt“, heisst es beim Eingang der Baustelle, wir fahren trotzdem durch. Vor uns fällt Ausbruchmaterial vom Förderbandband und endet in einem Haufen aus Stein. Ob wir denn Platzangst hätten, fragt Bauführer Dominic Stadlin und lächelt. Er meine es ernst, fügt er an. Die Antwort auf die Frage wird aufgeschoben, die Angst auch. Vor uns machen sich einige Bauarbeiter bereit, während Stadlin erklärt, um was es sich hier genau handelt: Es werden Erneuerungsarbeiten am Strassentunnel Sachseln vollzogen. In den nächsten paar Jahren werden dazu sämtliche Einrichtungen des Tunnels für den Betrieb und die Sicherheit auf den neusten Stand der Technik gebracht. „Zurzeit sind wir dabei, den Sicherheitsstollen zu bauen.“

Mit orangefarbenen Arbeitsanzügen, Helm und Stiefeln ausgerüstet, ziehen wir mit den Bauarbeitern Richtung Tunnel. Mit den Stiefeln läuft es sich mühsamer als sonst. „Das sind kräftige Jungs,“ erklärt Stadlin nicht etwa wegen den Stiefeln, aber wegen den 100 Kilo schweren Bogensegmenten, welche die Männer mit eigener Kraft heben müssen. Über uns geht noch immer das Förderband, welches das herausgebrochene Material aus dem Berg abtransportiert.

Gestern sei ein guter Tag gewesen, murmeln die Arbeiter. Ein guter Tag bedeutet, dass sie weit vorangekommen sind, weiter als es von ihnen erwartet wurde. „Darin besteht auch die Faszination ihrer Arbeit, man sieht jeden Tag, wie weit man gekommen ist, das ist der Stolz des Tunnelbauers,“ so Stadlin.

Vor dem Eingang tummeln sich die Arbeiter und einige „Besucher“, die gewisse Dinge zu kontrollieren hätten. Es wird etwas auf portugiesisch geschrien, die Funkgeräte geben Geräusche von sich, als Laie versteht man nichts. Ein kleiner Zug kommt aus dem Dunkeln hervor und erblickt das Tageslicht, sein Fahrer hat ein von Schmutz schwarz gefärbtes Gesicht. Mit diesem Zug werden wir gleich reinfahren. Neben dem Zug fuchtelt Daniel Da Cunha mit seinem Funkgerät in der Luft und weist seine Arbeiter an. Ein kräftiger Mann, der Schichtleiter, dessen gebräuntes Gesicht nicht von der Arbeit im Tunnel erzählt, sondern von seiner Herkunft: Portugal.

Um Worte verlegen, beschränkt er seine Antworten gerne und oft auf ein sympathisches Lächeln und eilt dann gleich wieder davon, als ob der Berg ohne seine ständige Aufsicht mit dem Einsturz drohen würde. „Hochdeutsch bitte,“ bemerkt er, während er zur Frage, was seine Arbeit ausmacht, keine ausführliche Antwort liefert. „Es ist einfach Arbeit. Ein Vorarbeiter zu sein, bedeutet Arbeit und Leistung.“ Für einen kurzen Moment scheint er inne zu halten. Diesem stämmigen Mann mit dem wachen Blick traut man zweifellos die Stärke zu, die es braucht, um täglich weiter als erwartet im Berg vorzudringen und ein ganzes Team dazu zu motivieren. 8.5 Stunden pro Tag, auf schlammig- feuchtem Untergrund, bei drückender Hitze.

„Willst du wissen was eng ist?“

Zusammen mit 9 Männern wird in den Zug geklettert, die Schiebetür wird quietschend zugezogen, die Fahrt beginnt, es wird dunkel und warm. Passieren könne im Tunnel relativ viel, meint Stadlin. Die Risiken, die er anspricht, gehen von dem Berg und dem Gestein aus, das die Arbeiter jederzeit überraschen könnte. „Man kann aber auch runterfallen, oder sich einklemmen, passieren kann überall viel.“ Die Sicherheit aber stehe an oberster Stelle und es wird alles dafür unternommen. Wir wollen keine Unfälle! „Es handelt sich hier aussschliesslich um Profis, sie haben gelernt den Felsen zu lesen.“ Aus den kleinen Plexiglasfenstern erkennt man die verschiedenen Lichter. Blaues Licht steht für Löschwasser, dort befindet sich also der nächste Wasseranschluss, rotes signalisiert den Notstop für das Förderband und grünes Licht steht für ein Not-Telefon. Nach zwanzig Minuten Holperfahrt scheint der Zug gegen eine Wand zu prallen. „Das ist normal, wir sind da“, beruhigt Stadlin.

Wir klettern aus dem Zug und gehen zu Fuss an der gewölbten Seitenwand des Tunnels weiter, die Bodenfläche ist besetzt vom Zug und den Maschinen. Eigentlich klettern wir, balancieren über Schläuche und wackelige kleine Brücken, ab und zu bläst ein Wind, Staub wird aufgewirbelt, der Anzug beginnt vor Wärme am Körper zu kleben. Wir bewegen uns immer weiter hinein in den Berg, bis ganz nach vorne zum Bohrkopf. Es bläst, tropft, spritzt, der Raum wird enger. Obwohl wir uns in einem künftigen Fluchttunnel befindet, scheint eine Flucht schwer möglich. „Willst du wissen, was eng ist?“ fragt Stadlin. Wir scheinen ganz vorne angekommen zu sein. Vor uns öffnet sich eine A3- Blatt grosse Lucke (Mannsloch), durch die man im Schlamm robbend vordringen kann, um ganz vor den Bohrkopf zu gelangen. Das ist der Bohrkopf. Der TBM-Fahrer zwängt sich an den Schläuchen vorbei und robbt hindurch an die Spitze, dorthin wo bald weiter gebohrt wird. Er muss etwas kontrollieren und zwängt sich danach wieder mühselig und von Schlamm übersäht aus dem Loch hinaus. „Es ist faszinierend! Einfach unglaublich!“ meint Fotografin Johanna, die ebenso schmutzig wie ihre Kamera nach einer Weile wieder zum Vorschein kommt.

Eine Familiensache

Wir drehen uns um und klettern zurück. Vor uns geben sich bald Stirnlampen zu erkennen. Und hier steht Duarte da Cunha, der Bruder von Daniel. Er und sein Team sind gerade fertig mit der Schicht und werden nach der direkten Schichtübergabe mit dem Zug rausfahren. „Normalerweise konkurrieren sich die beiden Schichten, jeder will besser sein. Bei uns ist das anders. Wir sind

schliesslich Familie,“ erklärt Daniel überraschend ausführlich und klopft seinem jüngeren Bruder auf die Schulter. Meistens sehen sich die beiden nur kurz bei der Schichtübergabe. Morgen- und Spätschichten werden wöchentlich abgewechselt. Duarte verschwindet im Dunkeln, während Daniel kontrolliert, ob alles nach Plan läuft und dann seine Arbeit in Angriff nimmt. Er arbeitet seit über zwanzig Jahren im Tunnelbau und erzählt uns im Fluchtcontainer wie wichtig die Zusammenarbeit unter den Mitarbeitern sei. „Wir können einander vertrauen und nur so kann es funktionieren.“ Alle paar Meter muss das Gestein erneut von Auge geprüft und entschieden werden, mit welcher Sicherung gearbeitet wird. Daniel hat nicht viel Zeit und wir befinden uns schnell wieder ausserhalb des Containers. Magst du deine Arbeit? Daniel hält schnell an, schaut zurück und lächelt erneut ein Lächeln voller Dinge, die er zurückhält. „Ich mache die Arbeit seit zwanzig Jahren.“

Es ist eine harte Arbeit im Tunnel, dessen Durchmesser gerademal 4 Meter 20 beträgt. Die Arbeiter wissen, was es bedeutet, täglich nicht nur an ihre eigenen Grenzen, sondern auch an die Grenzen der menschlichen Erschaffung zu stossen, auf Boden, den noch keiner vor ihnen betreten hat. Sie wissen, wie es ist, wochenlang am Arbeitsort zu leben, ohne Tageslicht zu arbeiten und was es bedeutet zu vertrauen und zu wagen. In ihren Witzen widerspiegelt sich die Ironie des Alltags.

„Heute hat es aber viel geblitzt. Heute mein Ausweis sicher weg,“ lacht der Portugiese Carlos Fereira, nachdem zum letzten Foto abgedrückt wurde. Und dann befördert er uns mit dem Zug wieder in die Aussenwelt.

Dieser Text wurde im November 2015 vom Bundesamt für Strassen veröffentlicht. Auftraggeber: Hinz und Kunz. Bilder: Johanna Unternährer via Hinz und Kunz.

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